Tilo: Zweierlei Maß

Für den erfolgsverwöhnten Deutschen Fußballbund (DFB) wird 2018 als eines der größten Desaster-Jahre in die Verbandsgeschichte eingehen. Zunächst tauchten die deutschen Vertreter in Champions- und Euro-League ruhm-, sang- und klanglos unter (woran übrigens weder Özil noch Gündogan beteiligt waren), dann folgten wenig ersprießliche Testspiele und schluss­endlich landete die einst ruhmreiche Nationalelf auf dem letzten Platz in ihrer gar nicht so schweren Vorgruppe.

Aber damit nicht genug. Was seitdem folgte, ist beispiellos in der DFB-Geschichte. Vor allem das DFB-Dreigestirn mit Trainer Jogi Löw, Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff und mit dem immer eigentümlich grinsenden Präsidenten Reinhard Grindel (CDU) an der Spitze bot ein Bild des Grauens, was sogar den braven Philipp Lahm zu Frontal-Attacken veranlasste. Gekrönt wurde der miese DFB-Auftritt vom Verhalten im „Fall Özil“.

Sicher, der Besuch Özils beim türkischen Staatspräsidenten war unterirdisch. Angesichts der zahlreichen Verbrechen an Journalisten würde Tilo nicht einmal in die Türkei reisen, wenn er eine Tour geschenkt bekäme. Aber jetzt Özil zum Sündenbock dafür zu machen, dass die DFB-Elf nur zwei mickrige Törchen erzielt hat, ist ja wohl „pfui!“. Vor allem wenn man bedenkt, dass Leute wie Thomas Müller oder Joshua Kimmich deutlich schlimmer als Özil in den russischen Stadien „planlos irrlichterten“ und sinnbefreite Flanken schlugen. Man könnte auch über die deutsche Abwehr reden, die sogar gegen die eher angriffsschwachen Schweden größtenteils ohne Sinn und Verstand spielte. Aber nein, halb Deutschland ist sich einig: Özil ist der Sündenbock.

Als BVB-Fan könnte sich Tilo genüsslich zurücklehnen und darauf verweisen, dass Özil schließlich ein „alter Schalker“ ist und deshalb vielleicht nicht immer weiß, was er tut.
Aber die Sache ist ernster. Heidi Klum beispielsweise hat zwei Staatsbürgerschaften, lebt in den USA und redet ab und zu davon, dass sie sich noch als Deutsche fühle. Das wird von der deutschen Öffentlichkeit dann stets bejubelt. Bei Gündogan und Özil hingegen wird gerne in Abrede gestellt, dass sie auch Deutsche sein können, obgleich sie sich noch mit dem Land ihrer Väter verbunden fühlen. Das nennt man zweierlei Maß.

Zweierlei Maß zeigte sich in diesen Tagen auch bei einer wissenschaftlichen Untersuchung unter angehenden Lehrern. Sie sollten Diktate – wohlgemerkt: Diktate – korrigieren und benoten, geschrieben von einem vermeintlichen Max und einem angeblichen Murat. Und, ei siehe da, die Benotung fiel bei Max besser aus als bei Murat. Obwohl es sich um Diktate mit gleichen Fehlern handelte!

Auch das ist Rassismus!
Tilo