Wir brauchen Kraft

Es ist immer das Gleiche nach der Wahl. Die Politiker treten vor die Kameras und reden dummes Zeug. Hannelore Kraft, zum Beispiel, rief sich schon wenige Minuten nach 18 Uhr zur großen Siegerin der NRW-Landtagswahl aus. Da war zwar klar, dass Rüttgers-Club zu Essig umgekippt war. Aber ein Jubel-Ergebnis sieht anders aus: Weder wurden die Sozialdemokraten stärkste Partei, noch konnten sie gegenüber 2005 zulegen. Es gab ein Minus von 2,6 Prozentpunkten. Schlappe 34,5 Prozent – das schlechteste Ergebnis seit 50 Jahren. Himmel, und jetzt auch noch mit der Linken? Da können wir ja gleich den Anschluss an Griechenland beantragen.

Hagen liegt im Landestrend. Konnten Diegel & Co. vor fünf Jahren noch stolze 40,3 Prozent einsacken, rauschte die CDU am Sonntag auch an Volme und Lenne um zehn Prozentpunkte den Bach runter: niedliche 30,1 Prozent. Und die SPD? Sie kann wieder die mit großem Vorsprung gewählten Platzhirsche Wolfgang Jörg und Hubertus Kramer in den Landtag schicken. Aber die Zweitstimmen schmurgelten auf magere 39,6 Prozent zusammen, gegenüber 43 Prozent. Weit weg die Zeiten, als sich die Sozis auf 50-Prozent-Höhen sonnen konnten.

Rückenwind für die Grünen. Sie landeten mit 9,9 Prozent auf Platz drei. Die neuen Honeckers von den „Linken“ freuten sich über 6,1 Prozent. Die Liberalen mussten in ihrer einstigen FDP-Hochburg Hagen mit schlappen 5,4 Prozent zufrieden sein.

Die Wahl-Beteiligung – bedrückend und erbärmlich: Knapp 60 Prozent waren es vor fünf Jahren. Jetzt machte nur noch gut die Hälfte von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Es gab am Sonntag Wahlbezirke, da lag die Beteiligung unter 30 Prozent – vor allem in Altenhagen, Eilpe/Oberhagen und entlang der Ennepe. Oje oje. Wie soll das weitergehen? Was passiert, wenn erst mal wieder stramm organisierte rechte und linke Rattenfänger auf Stimmenfang gehen? Und die Demokraten bleiben zu Hause?

Da ist die gesamte politische Kaste gefordert. Dringendst. Neue Leute, neue Haltung, neue Ideen, neuer Schwung, neues Vertrauen. Die lautschnarrenden Windbeutel auf den Müll. Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und Sachlichkeit – statt Tricksereien, Arschkriechereien und Heißluft-Aktionen. Ehrliche Aufklärung über Kröten, die notwendig sind, statt Vertuschung, Beschönigung und Täuschung. Tatkraft, Optimismus und Schwung als Lebensgefühl und nicht nur auf retouchierten Wahlkampfplakaten. Chancenlos beim Wähler? Es hat ja noch niemand versucht!

Dazu bräuchten alle Parteien die Kraft. Das wäre das Wichtigste, das angegangen werden muss! Und nicht das lustvolle Hamsterrad-Wettrennen im täglichen Politik-Klein-Klein, was offenbar fast der Hälfte aller Wahlberechtigten längst rücklings vorbeigeht.

Ja, es muss geklärt werden, ob die letzten Tage von Helmut Diegel in Arnsberg angebrochen sind. Ja, wir werden erfahren, ob irgendwelche Behörden, die von der CDU aufs platte Land verlagert wurden, zurück an die Volme kommen. Ob der „Kibiz“ aus den Kindergärten verjagt wird. Ob Wolfgang Jörg in Düsseldorf demnächst Geld fürs Tierheim locker macht. Und was mit dem Theater geschieht, mit den Hauptschulen, undsoweiterundsofort.

Aber wenn wir die Politikverdrossenheit nicht bald aus diesem Land verjagen, ist alles nichts.

Tilo, 12. Mai 2010